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Was die Ausgrenzung von „Fremden“ mit Monokultur und Umweltzerstörung zu tun? So wie in unserer Zivilisations-Geschichte die Vielfalt vom Acker verschwand, so verschwand auch die Vielfalt in unserer Gesellschaft. Florian Hurtig zeichnet die Geschichte unserer Ernährung, als eine schrittweise Verdrängung der Vielfalt nach. Dabei zeigt sich, dass im gleichen Maße wie Natur und Lebendigkeit, auch Moral und Gesellschaftlichkeit abgewertet, entstellt und zerstört wurden. Für die Zeit vor der Landwirtschaftlichen Revolution zeichnet Hurtig eine matriarchale Gesellschaft nach, die die Natur in Form von Waldgärten und Polykulturen zum Wohle der Gemeinschaft umgestaltet. Die vermeintlich Primitiven lebten in egalitären Gemeinschaften, kannten vielfältige Ernährungsstrategien und stellten über Jahrtausende keine Kriegswaffen her. Mit diesem matriarchalem Bild herrschaftsfreier Gemeinschaften stimmt er mit den feministischen und matriarchalen Geschichtsschreibungen überein.

Erst mit den ersten Stadtstaaten in Mesopotamien mit ihren Kornkammern im Zentrum und den Bewässerungsanlagen drumherum wird die Versklavung anderer Menschen von der Ausnahme zur Regel. Der einfachste Weg für diese Stadtstaaten ihre Sklavenstädte mit energiereicher Nahrung zu versorgen sind monokulturell angelegte Getreidefelder. Eine monokultureller Acker ist für die Kolonisatoren der Stadtstaaten, die selbst nicht auf dem Land arbeiten, leichter zu kontrollieren, als ein weitverzweigter Waldgarten, der Ortskenntnis und eine ganzjährige Anwesenheit voraussetzt. Das Gleiche monokulturelle Prinzip wird von den Herrschenden auch auf die Gesellschaft angewandt: Eine Herde, aus gleichgeschalteten möglichst einfach zu haltenden Sklaven, ohne fremde Einflüsse, stellt dem Stadtsaat die nötige Energie in Form beliebig einsetzbarer Arbeitskraft zur Verfügung.

Getreide, Menschen, Ressourcen und die gesamte Gesellschaft werden im Verlauf unserer Geschichte zum Planungsobjekt der jeweils Herrschenden. Die Böden leiden unter der Monokultur, wie die Sklaven unter der Unfreiheit. Schnell gehen auf den ausgelaugten Böden die Erträge zurück. Um ihre Herrschaft zu erhalten und zu erneuern greifen die Stadtstaaten nach dem Land ihrer Nachbarn. Für sie ist alles Land nur noch Ressource und Sklave.

Mit der Zeit wächst der Stadtstaat zum Territorialstaat. Die Kontrolle der Gesellschaft und der Landschaft wird in Kornkammer und Tempel der Hauptstaat zentriert. Um die monokulturiesierte Masse unter Kontrolle zu behalten, werden die männlichen Stammesführer an den Privilegien beteiligt. Damit wird das Patriarchat zur Regel für die Gesellschaft. Verschiedene weitere Herrschaftstechniken werden an der Gesellschaft ausprobiert. Wie auf dem Feld am einfachsten eine Sorte Nahrung zu planen ist, ist in der Gesellschaft eine einheitliche Herrschaftstechnik am einfachsten zu organisieren. Am einfachsten also, wenn die Vielfalt verschwindet und nur noch eine Anbaumethode, eine Religion, eine Gesetzgebung und ein Zentrum für alle Böden und Sklaven vorherrschend ist.

In Europa erhält dieser Prozess sehr viel später Einzug, doch letztlich bilden sich auch hier Territorialstaaten heraus, die die freien Stämme zu bäuerlichen Knechten auf monokulturellen Felder der Herrschenden niederwerfen. Der sogenannte Flickenteppich aus kleinen Territorialstaaten wird letztlich in einem zentralistischen Nationalstaat vereinigt. Was sich für die Herrschenden noch heute einer romantische Liebesbeziehung zwischen den Adelshäusern darstellt, bedeutet für die Gesellschaft den Verlust ihrer Selbstverwaltung, den Eingriff des Staates in alle Lebensbereiche, Verfolgung des letzten polykulturellen Ernährungs- und Heilungswissens in Form der Hexen und eine systematische Ausgrenzung von Randgruppen, Minderheiten und anti-systemischen Einflüssen.

Mit der geschichtlichen Annäherung von Florian Hurtig lässt sich nachvollziehen, wie unsere Gesellschaft durch Herrschaftstechniken wie Patriarchat, Monokultur und Ausgrenzung die Fähigkeiten genommen bekommen hat sich demokratisch, vielfältig und friedlich selbst zu regieren und zu versorgen.